Heute sitzen wir zum Frühstück mal drinnen. Das Wetter sieht zwar wieder gut aus. Der Regen von gestern Nacht ist vorbei, aber es ist noch etwas frisch.
Wir schmieren uns auch eine zusätzliche Scheibe Brot, für die Wanderung. Denn die heutige Etappe gehört mit zu den längsten. Sie ist nicht schwer, aber der Weg zieht sich, 25 km lang, immer auf und ab zwischen 1.700 m Höhe hier auf der Hütte und bis zu 2.100 m Höhe am höchsten Punkt. Am Ende werden gut 500 Höhenmeter rauf und 500 Höhenmeter runter dabei rauskommen. Das besondere aber ist, dass es, außer am Anfang nach einer Stunde, keine weitere Hütte zwischendurch gibt. Wir müssen also durch bis zum Ziel, der Bürglhütte. Der Wanderführer spricht von gut 7 Stunden reiner Gehzeit, am Anfang des Weges neben der Pinzgauer Hütte steht ein Schild mit 8,5 Stunden.
Bei der Bürglhütte hatte ich am Vorabend extra noch mal angerufen, dass wir heute Abend kommen und übernachten wollen, wie geplant. Manchmal hat man ja ein gutes Gespür für das, was wichtig ist …

Auf geht´s auf den Panorama Trail Hohe Tauern!

Sonja wieder in kurzer Hose und mit den Wanderstöcken links und rechts. Die unterstützen gut, insbesondere aufgrund unserer Rucksäcke, die ca. 12 bis 14 kg wiegen.

Ein schöner schmaler Weg zieht sich nun Kilometer für Kilometer 1.000 m oberhalb des Salzachtales entlang. Im Tal selbst hängen noch die Wolken, die die Sonne aber schon bald aufgelöst haben wird. Unser Weg ist meist schon weit im Voraus zu erkennen. Und das ist das besondere an dieser Etappe: sie zieht sich und wir müssen weiter und weiter. Aber nein, wir wollen weiter und weiter.

Noch sehen wir recht munter aus und sind guter Dinge.

Unsere Wasserflaschen bis an den Rand gefüllt sind wir hoffentlich gewappnet für die lange Strecke bei viel Sonne und wenig Schatten.

Und der Weg ist einfach richtig schön. Nicht schwierig und immer mit tollem Blick Richtung Süden auf die zum teil schneebedeckten Berge der Hohen Tauern. Dazwischen liegt das Pinzgau Tal, mit dem Ort Krimml am Talende. Und mit den Krimmler Wasserfällen, mit 380m Fallhöhe die höchsten Europas. Auf dieses Naturschauspiel freue ich mich schon sehr.

Aber erst gilt es heute diesen laaaaaaaangen Höhenweg zu bewältigen. Ein bisschen Sorge mache ich mir wegen des nötigen Trinkwassers auf dem Weg. Die von Sonja und mir jeweils mitgenommenen 2 l sind nicht viel. Und da ich auf jeden Fall auch am Ende noch Vorräte benötige, teile ich es mir gut ein. Dass sich der Weg noch weit hinzieht, kann man ja meistens sehr gut sehen.

Als wir so ca. die Hälfte des Weges geschafft haben, plätschert dieser so erfrischend wirkende Bach von oben direkt neben uns herunter. Und wir beraten, ob wir nicht unsere Wasservorräte auffüllen sollten. Wir hatten heute morgen auch unseren Hüttenwirt extra gefragt, wie er dies so sieht. Schließlich sind zurzeit ja auch viele Kühe auf den Wiesen. Nun, wir sollen schauen und wenn in Sichtweite nichts Auffälliges bzw. Verunreinigungen zu sehen sind, dann wäre es wohl ok.
Dieser Bach sieht so klar und verlockend aus und wir können weit und breit keine Kühe erkennen, also wagen wir es und trinken direkt das sprudelnde Nass. Herrlich frisch und kühl! Schon lange hat mir „einfaches“ Wasser nicht so gut geschmeckt! Dann füllen wir unsere Flaschen und weiter geht´s.

Die zusätzlichen Wasser“mengen“ helfen und wir nähern uns der Bürglhütte. Laut (elektronischer) Karte ist sie noch gut eine Stunde entfernt.
So langsam nähern sich aber auch die zurzeit am späten Nachmittag aufziehenden dunklen Wolken. Und das gefällt uns weniger. Auf solches Wasser von oben möchten wir lieber verzichten. Aber das können wir nicht beeinflussen. Als einzige Maßnahme bleibt, die Regenjacke und die Regenhose rauszuholen und auch den Rucksack mit einer Regenhülle zu schützen. Und dann kommen auch schon die ersten Tropfen. Wir können die Hütte bereits sehen, aber trocken schaffen wir es nicht mehr bis dort hin.
Na ja, ist nicht ganz so dramatisch, denken wir uns. Gleich sind wir ja im Trockenen. Blöd wäre es gewesen, der Regen hätte schon am Vormittag eingesetzt.
Und da ist sie: der Alpengasthof Bürglhütte auf 1.700 m Höhe.
Inzwischen mit klitschnassem Regenzeug gehen wir durch die hölzerne Eingangstür und nehmen unsere Rucksäcke ab. Das Wasser tropft nur so von uns herab und auch die Wanderstiefel sind nass und ziemlich schmutzig.
In der Hütte ist es sehr ruhig. Wir wundern uns. Dann kommt die Hüttenwirtin um die Ecke und meint gleich nach der Begrüßung: „Gut, dass wir gestern nochmal angerufen haben, dass wir heute kommen und übernachten wollen, denn eigentlich wäre heute Ruhetag und wir sind die einzigen Übernachtungsgäste.“
Oh! Das erklärt die Stille in der Hütte.

Uns stört es nicht sonderlich, dass wir die einzigen Gäste sind. Stören tut mehr die nasse Kleidung und die nassen Schuhe. Wir ziehen alles aus und legen es in der Nähe des Bollerofens in der Gaststube aus. Das hätten wir so nicht machen können, wenn andere Gäste hier wären. Aber so stört es keinen und wir haben viel Platz.

Wir schnappen unsere Rucksäcke und gehen aufs Zimmer, das sich im Obergeschoss befindet. Vorbei kommen wir am Kuhstall im Erdgeschoss, hinter der Gaststube. Das hatten wir so schon von einer anderen Wandersfrau gehört, die hier vor zwei Tagen übernachtet hatte. Ist schon witzig, über Kühen zu schlafen. Aber zurzeit sind sie ja gar nicht im Stall, sondern draußen auf der Alm. Sehen tun wir also keine Kühe, aber man riecht es, dass hier doch ab und zu welche stehen.

Ja, und dann sind wir auch schon im Zimmer. Es ist erst vor kurzem ausgebaut und vertäfelt worden. Wir freuen uns, wieder in einem Doppelzimmer sein zu können und nicht ins Bettenlager zu müssen, auch wenn wir dort heute Nacht allein gewesen wären. Wir verteilen alle Sachen aus den Rucksäcken im Zimmer, ziehen unsere nasse Kleidung auch komplett aus und gehen erst mal duschen. Danach sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Wir legen uns kurz auf das Bett, um etwas durch zu schnaufen. Die heutige Etappe war wirklich lang. Sieben Stunden reine Gehzeit haben wir gebraucht, so wie auch der Wanderführer angegeben hatte. Durch das Wasser des Gebirgsbaches hatten wir dann aber zum Glück genug zu trinken. Das war auch nötig. Es war eine schöne Strecke mit herrlichen Ausblicken ins Tal und auf die Hohen Tauern. Nur der Regen zum Schluss war nicht nötig. Aber wir sind angekommen und die Hütte hat auf!
Ich hatte ja schon zuhause so ein komisches Gefühl, ob das alles klappt mit der Übernachtung. Die Internetseite ist sehr dürftig gestaltet und man muss ungewöhnlicherweise anrufen, um ein Zimmer zu buchen. Die Frau am Telefon klang dann auch nicht so, dass ich 100 % sicher war, ob sie alles richtig verstanden und notiert hatte. Deswegen habe ich ja auch gestern zur Sicherheit nochmal angerufen. Das war dann ja auch genau richtig.
Und nun haben wir großen Hunger und Durst.
Da wir alleine im Haus sind, konnten wir uns bei der Ankunft etwas zu essen wünschen. Wir möchten Sonjas Lieblingsessen hier in den Bergen: Speckknödel mit Sauerkraut. Und dazu einen Kaiserschmarrn. Lecker!
Im Gastraum unterhalten wir uns noch mit der Wirtin. Ihr geht es überhaupt nicht gut. Sie hat sich vor zwei Wochen einen üblen Hexenschuss zugezogen. Aber „krank feiern“ geht bei ihr nicht. Sie muss die Berghütte alleine schaffen, zusammen mit einer Hilfe, außer am Ruhetag. Ihr Mann kümmert sich im Tal um den Hof. Er kommt dann abends mit dem Auto zum Essen über die Fahrstraße hoch. Das klingt so schon nach sehr viel Arbeit, aber mit einem Hexenschuss geht das doch eigentlich gar nicht. Tja, eigentlich! Sie kann die Hütte aber nicht schließen, wenn sie Übernachtungsgäste angenommen hat. Und die Kühe wollen auch gemolken werden. So ganz können wir das gar nicht nachvollziehen, aber irgendwie läuft´s. Und wie gebückt und humpelnd sie geht, sehen wir auch. Das Leben in den Bergen ist nicht so ganz wie in den Heidi-Filmen …
Diese Frau und ihren Alltag werden wir noch lange in Erinnerung behalten.

Hier unsere Etappenkarte.
